40 Jahre Grünpfeil. Freiheit oder Gefahr?

Er hat erst im Osten und dann im Westen Geschichte geschrieben. Der Grünpfeil ist seit 40 Jahren ein Teil der deutschen Straßenverkehrsordnung.

31.01.2018

Ampel mit Grünpfeil

So lange es ihn gibt, sorgt der Grünpfeil für Diskussionsstoff. Das Verkehrsschild an Ampeln überlässt Autofahrern die Entscheidung, ob sie bei Rot rechts abbiegen. Mehr zur Geschichte, zur Debatte rund um den Einsatz des Grünpfeils und dazu, wie der kleine Blechpfeil von Autofahrern genutzt wird, erfahren Sie hier.

1. Was bedeutet der Grünpfeil an einer Ampel?

Mit dem Grünpfeil gilt ein Verkehrszeichen zusätzlich zur Ampelregelung an Kreuzungen oder Einmündungen. Dieses zeigt Autofahrern an, unabhängig von der Farbe der Ampel rechts abbiegen zu dürfen. Natürlich nur dann, wenn es nach eigenem Ermessen möglich ist. Das Schild mit grünem Pfeil auf schwarzem Hintergrund befindet sich an Ampeln rechts neben dem roten Licht. Dabei handelt es sich um einen Blechpfeil, der nicht leuchtet und auch bei Nacht nicht durch Licht erhellt werden darf. Denn so wird sichergestellt, dass keine Verwechslungsgefahr mit dem grünen Leuchtpfeil besteht.

Anders als bei diesem elektronischen grünen Pfeil, zeigt der in einem Quadrat abgebildete Pfeil keine Vorfahrt an. Er ist als Stoppschild zu betrachten: 3 Sekunden muss an der Ampel gehalten werden, dann ist langsames Vortasten erlaubt, um die Straße einzusehen. Umgekehrt sind Autofahrer bei einem grünen Ampelpfeil dazu angehalten loszufahren. Für den Grünpfeil hingegen gilt: Er darf benutzt werden, muss aber nicht!

Verhalten bei einem Grünpfeil

  • Vor dem Abbiegen muss zwingend 3 Sekunden vor der weißen Haltelinie angehalten werden, sonst droht Ihnen ein Bußgeld in Höhe von mindestens 70 € und ein Punkt in Flensburg.
  • Vortasten und warten, sollte der Weg nicht frei sein. Sie haben keine Vorfahrt!
  • Nur wenn Sie sich auf der rechten Spur befinden, gilt der Grünpfeil.
  • Der Grünpfeil ist keine Vorschrift zum Losfahren. Sollten Sie ihn nicht nutzen wollen, ist es möglich die nächste Grünphase der Ampel abzuwarten und dann abzubiegen.

2. Die Geschichte des Grünpfeils und woher kommt das Schild?

Der Grünpfeil war lange Zeit nur im Osten gebräuchlich. Noch bevor er dort ein Verkehrsschild wurde, galt in der DDR bereits selbstredend das Recht an roten Ampeln rechts abbiegen zu können. Das 1978 eingeführte Schild mit dem nach rechts weisenden Pfeil sollte die Erlaubnis zum Rechtsabbiegen bei Rot für jedermann signalisieren. Denn international gesehen war die Verkehrsregel unbekannt und verpönt. Immerhin bedeutete “Rot” auf den Straßen der Welt bis dahin nur eines: “Stopp!” In der DDR hingegen war das Abbiegen auch ohne grünes Licht, zum Beispiel mit dem Trabant oder der großen Wartburg, eine Form der Selbstbestimmtheit. Rechtsabbieger kommen somit schneller los und mit dem Ausfall der Wartezeit an der Ampel könnte auch Sprit eingespart werden, so die Theorie. Als Mittel zur lautlosen Beschleunigung des Stadtverkehrs war und ist der Grünpfeil vielversprechend!

Nach der Wiedervereinigung sollte die Verkehrsordnung der DDR außer Kraft gesetzt werden. Hinsichtlich der 2500 Grünpfeile aus dem Arbeiter- und Bauernstaat, wehrten sich ehemalige DDR-Bewohner jedoch erfolgreich. Zunächst wurden 1990 nicht alle Grünpfeile abgenommen, sie sollten noch ein Jahr lang durch schnell eingerichtete Ausnahmeregelungen bleiben. Doch das brachte die Bürger, die den Grünpfeil wie selbstverständlich benutzten, gegen die Verantwortlichen auf. Im Jahr 1994 wurde der Grünpfeil dann sogar in die bundesdeutsche Straßenverkehrsordnung (StVO) aufgenommen. Seitdem fand das Verkehrszeichen 720 nach StVO auch im Westen Verbreitung. Der ADAC bescheinigt heute für ausgewählte Einsatzorte im ganzen Bundesgebiet, dass der Verkehrsfluss verbessert werden konnte.

3. Welche Gefahren bringt der Grünpfeil-Einsatz mit sich?

Nach der bundesweiten Anerkennung des Grünpfeils wurde dieser im Westen zunächst heftig diskutiert. Es wurden katastrophale Folgen bei Einsatz der Zusatzregelung prognostiziert. Auszusetzen haben Experten bis heute die Behinderung des Fußgängerverkehrs und von Radfahrern. Auch die übrigen Verkehrsteilnehmer eingeschlossen der Grünpfeil-Nutzer werden gefährdet. Denn nicht zu vergessen ist, dass für Autofahrer jeweils eine anfangs unbekannte Verkehrssituation entsteht, wenn Grünpfeile an Kreuzungen hinzukommen. Am meisten kritisiert wird jedoch die langfristige Beeinträchtigung von sehbehinderten Fußgängern an Kreuzungen mit Grünpfeil.

Das befürchten Kritiker beim Grünpfeil-Einsatz

Die Gefährdung des kreuzenden Verkehrs aus Fußgängern und Radfahrern wird durch die Überforderung des Grünpfeil-Nutzers erzeugt. Dieser muss gleich zwei mögliche Verkehrsströme beachten. Sowohl ist bei Rot auf seiner Fahrbahn mit Fußgängern zu rechnen, die vor ihm die Fahrbahn überqueren, sowie auch bei Grün mit Fußgängern oder schnellen Radfahrern auf der Fahrbahn, in die er rechts einfahren will. Der Blick in den Spiegel und der Seitenblick sind hierbei unerlässlich!

Anders als bei einem grünen Ampel-Pfeil ist ein geregelter Zeitvorsprung für Fußgänger bei einem Grünpfeil ausgeschlossen. Während die Fußgängerampel sonst zuerst auf Grün schaltet, um die Überquerenden vorauszuschicken, entscheiden bei Grünpfeil die Autofahrer auch in der Rot-Phase, ob sie auf dem Fußgängerfurt abbiegen. Die größere Eigenverantwortung der Fahrzeugführer beim Grünpfeil war Grund zur Sorge für viele Experten im Verkehrswesen.

Zusätzlich beschrieben wurde ein sogenannter Sogeffekt. Autofahrer, welche den Grünpfeil bei Rot nutzen, können die hinter ihnen Fahrenden dazu verleiten ihnen einfach zu folgen. Die nachfolgenden Autofahrer biegen ab, und zwar in der Annahme die Verkehrsampel zeige Grün. Natürlich entfällt in diesem Fall das Stoppen oder Schauen bevor abgebogen wird. Sogar geradeaus fahrende Fahrzeuge könnten so “mitgeschleppt” werden, da auch diese Überquerer der Kreuzung davon ausgehen könnten, ihre Fahrbahn sei freigegeben.

Bußgeldkatalog Grünpfeil

Rechtsabbiegen bei Grünpfeil führt zur Behinderung des Fußgänger- oder Radverkehrs

  • 1 Punkt, 100 € Bußgeld

Zusätzlicher Eintritt von Gefährdung

  • 1 Punkt, 150 € Bußgeld

Zusätzlicher Eintritt von Unfall

  • 1 Punkt, 180 € Bußgeld

Rechtsabbiegen bei Grünpfeil führt zur Verkehrsbehinderung

  • 35 € Bußgeld

Zusätzlicher Eintritt von Gefährdung

  • 1 Punkt, 100 € Bußgeld

Zusätzlicher Eintritt von Unfall

  • 1 Punkt, 120 € Bußgeld

Rechtsabbiegen bei Grünpfeil ohne zuvor an der Haltelinie zu stoppen

  • 1 Punkt, 70 € Bußgeld

Rechtsabbiegen bei Grünpfeil aus einem anderen als dem rechten Fahrstreifen

  • 15 € Bußgeld

Besondere Kritik gilt beim Einsatz des Grünpfeils, wo Blinde und stark sehbehinderte Verkehrsteilnehmer häufig die Straßen überqueren. Denn sie können nicht wissen, ob eine Kreuzung mit Grünpfeil ausgestattet ist. Eine taktile Zusatzeinrichtung zur Markierung von Grünpfeilen für blinde Verkehrsteilnehmer hilft zudem nicht. Blinde werden bei Grünpfeil unweigerlich daran gehindert die Straße sicher zu passieren, da eine grüne Fußgängerampel dann nicht einwandfrei zum Gehen auffordert.

4. Bilanz: Was der Grünpfeil im Straßenverkehr bewirkt

Vielerorts hat sich der Grünpfeil bereits durchgesetzt. Er gilt als ein Mittel für einen besseren Verkehrsfluss und verkürzt an Kreuzungen die Wartezeiten von Rechtsabbiegern. Doch immer wieder zeigte sich, dass der Grünpfeil vor allem bei ruhiger Verkehrslage auf Kreuzungen und bei genauer Auswahl seines Einsatzortes positive Effekte bewirkt.

Wann kommt ein Grünpfeil in Frage?

In § 37 StVO und den dazugehörigen Verwaltungsvorschriften wurde der Einsatzbereich für Grünpfeile in folgenden Fällen eingeschränkt:

  • Bei viel Fuß- und Radverkehr.
  • Im Falle, dass die Ampelanlage der Sicherung eines Schulwegs dient oder von vielen Seh- oder Gehbehinderten passiert wird.
  • Keine ausreichende Sicht auf querende Teilnehmer des Verkehrs besteht.
  • Wenn ein Zweirichtungsradweg beim Abbiegen überquert wird.
  • Wenn für den Gegenverkehr ein grüner Ampelpfeil zum Linksabbiegen eingerichtet ist.
  • Wenn mehrere markierte Fahrstreifen zum Rechtsabbiegen vorhanden sind.
  • Wenn beim Rechtsabbiegen Gleise des Schienenverkehrs überfahren werden müssen.

Nachdem seit 1999 westdeutsche Städte erstmals Gebrauch vom Grünpfeilschild machten, wurde das Bundesamt für Straßenwesen (BASt) aktiv und gründete eine "Projektgruppe Grünpfeil". Diese untersuchte die Frage "Was weiß der Autofahrer vom grünen Pfeil und wie verhält er sich dabei?". Diese wurde zum Gegenstand einer empirischen Psychologie-Studie an der Universität Regensburg. Die Antworten der befragten Autofahrer fielen unterschiedlich aus. Ein Signal an alle Städte, die den Grünpfeil einführen wollten. Denn ohne Aufklärungsbroschüren oder -plakate sollte kein Grünpfeil mehr an Ampelkreuzungen montiert werden. Die letzten Jahre haben zudem gezeigt, dass Grünpfeile weichen müssen, wo Ampelanlagen mit einer verkehrsabhängigen Steuerung ausgestattet werden. Auch bei Einführung von Ampeln mit Signalen für Sehbehinderte, kann der Grünpfeil nicht bleiben.

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